Philipper 2,7

In einer Stadt in Russland lebte ein jüdischer Rabbi. Von diesem Rabbi erzählten sich die Leute, dass er jeden Morgen vor dem Frühgebet zum Himmel aufsteige. In der gleichen Stadt wohnte ein Mann, der lachte darüber. „Ich werde den ganzen Schwindel aufdecken“, sagte er. Und er legte sich frühmorgens noch vor dem Sonnenaufgang beim Haus des Rabbi auf die Lauer.
Und tatsächlich: ganz früh am Morgen verließ der Rabbi sein Haus. Er hatte sich als Holzknecht verkleidet und ging in den nahegelegenen Wald. Der Mann folgte ihm vorsichtig und beobachtete genau, was der Rabbi tat: der fällte Holz und hackte es in Stücke, er lud sich das Holz auf den Rücken und schleppte es in das Haus einer armen Frau. Die war alt und krank. Der Mann spähte vorsichtig durch das Fenster. Da sah er: Der Rabbi kniete auf den Boden und machte den Ofen an.
Als er in die Stadt zurückkam, fragten ihn die Leute: „Na, hast du den Schwindel aufgedeckt? Was ist denn nun dran an der täglichen Himmelfahrt des Rabbi?“ Der Mann antwortete ganz beschämt: „Der Mann steigt noch höher als bis zum Himmel.[1]

Gott und sein Himmel sind für viele hoch da oben, ganz weit weg. Das ist in dieser Legende ganz anders. Der Himmel ist ganz nah, ganz unten, ganz am Boden. Der Rabbi wird Gott auch im Lehrhaus gesucht haben, er wird in den Schriften nach ihm gesucht und geforscht haben, er wird im Gottesdienst, im Feiern, im Gebet Gott gesucht und auch gefunden haben.
In dieser Legende ist er auf einen neuen „Fundort“ Gottes gestoßen: ganz unten, in einer hilfsbedürftigen Frau, begegnet er Gott, er dient diesem Gott, indem er tut, was der Situation angemessen ist: er macht sich zum Diener, der Holz fällt, das Feuer entzündet und die Wohnung wärmt. Diese Legende durchbricht die gewohnten Wege der Gottsuche und bricht zu einer Gotteserfahrung durch, die sich in dem Satz verdichten lässt: Suchst du Gott, dann such ihn unten!
Fundament für diesen Ansatz der Gottsuche ist nichts Geringeres als das Ereignis der Menschwerdung Gottes, über das der Philipperbrief schreibt:
„Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern erniedrigte sich, wurde wie ein Sklave und uns Menschen gleich.“

 

Wochenspruch:     Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.   Joh 3,14b.15

Wochenpsalm:       Psalm 69  – EG 731

Wochenlied:           EG 91 – Herr stärke mich Dein Leiden zu bedenken

Download:              ANgeDACHT 2024-13

Zu Beginn dieser Woche grüße ich Sie herzlich

Pfarrer Matthias Welsch
Vorstand Personal und Diakonie, Lafim-Diakonie

[1] nach Gisela Hommel, Der siebenarmige Leuchter, München 1976,15