2024/05

„Alles ist erlaubt“ – „O Prima!“ ruft es aus dem Chaos des Teenagerzimmers.

„O nein!“ kommt das Echo von geplagten Eltern. 

„Nichts ist (mehr) erlaubt“ – so hat man dagegen das Gefühl in allen Bereichen der sozialen und medizinischen Arbeit. Manchmal weiß man nicht mal genau, was gerade erlaubt oder verboten ist – und bewegt sich deshalb oft auf sehr unsicherem Grund. Hauptsache, es ist dokumentiert…

Manch frühere Regeln sind wirklich zu Recht gefallen. Alte und nicht so leistungsfähige Menschen haben heute verbriefte Rechte und eine sichere Versorgung. Dafür aber sind immer mehr und ständig neue Richtlinien entstanden. Regeln, die Missbrauch von Geld und Macht verhindern sollen. Sie machen aber gleichzeitig denen, die sich engagieren den Alltag im Dienst an den Menschen in unseren Häusern und Einrichtungen immer mühevoller und zermürben viele lebendige Kräfte. Diesen schmerzhaften Widerspruch bringt Paulus in 1. Kor. 6,12 auf den Punkt. Aus dem fernen Ephesus ringt er per Post mit den Christen in der Hafenstadt Korinth um das, was für diese Gemeinde existentiell wichtig ist: Wie bekommen wir zusammen, dass wir Regeln brauchen, aber auch echte Freiheit leben wollen? Wie schaffen wir es zusammenzubleiben und zusammenzuarbeiten, wenn manche von uns die alten Regeln kennen und schätzen gelernt haben, andere aber strategischer und unabhängiger denken möchten?

Es gab auch in Korinth eine starke Gemeindebasis für die Tradition. Und das ist gut so, sagt Paulus. Sie wollen aber die alten Regeln, die sie ihr Leben lang beschützt haben vor falschen Wegen genau so weiter pflegen. Das schließt andere aus, die diese Erfahrungen nie kennengelernt haben. Andere in Korinth fordern dagegen mit starkem Selbstbewusstsein endlich mehr Offenheit und Mut. Meine Güte, seid doch nicht so starrköpfig! Es ist doch eine neue Zeit! Das Ergebnis waren dauernde heftige Streitereien und schon fast unversöhnliche Parteiungen in der Gemeinde. Paulus versuchte nun mit seiner ganzen missionarischen Leidenschaft diese Gruppen wieder als Team zusammen-zubringen. Ja, seine leidenschaftliche Mission für Korinths Streitparteien gipfelt zum Ende des Briefes schließlich im „Hohelied der Liebe“ (1. Kor.13) – diesem vielleicht schönsten Bibeltext überhaupt!

Dieses wahre und göttliche Liebeslied beschreibt in vielen eindrücklichen Bildern: Alles ist und bleibt umsonst getan, jede Regel umsonst aufgestellt oder abgeschafft, wenn sie nicht Ursprung, Maßstab und Ziel in der Liebe hat. Die Art von Liebe wird beschrieben, die immer das Ganze im Blick hat – die diakonische Liebe im tiefsten Sinne! Diakonische Liebe als die Gemeinschaft über Grenzen von Armut und Reichtum hinweg – an einem Tisch, damit alle satt und glücklich werden!

Sie – diese Liebe – schafft es, als einzige und wirklich göttliche Energie, dass Tradition und neues Denken, Geld und Macht, Demut und Klugheit, Teamfähigkeit und Durchsetzungsvermögen zugleich und aufeinander zu und füreinander wirken können.

Einfach ist das nicht! Es erfordert im wahrsten Sinne all unsere Leidenschaft – und ebenso die unendliche Bereitschaft unter uns, sich aufeinander einzustellen und die Grenzen des Anderen zu achten! Aber wenn das gelingt – ja dann ist wirklich alles möglich – und keine Macht oder Regel kann uns daran hindern!

 

Mit herzlichem Gruß für einen gesegneten Mai

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothea Sitzler-Osing

(stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende)