Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt, in Prüm in der Eifel. Damals noch eine sehr katholische Region. 90 % waren in der katholischen Kirche, ein paar Evangelische gab es auch, eine handvoll Muslime u.ä. und von Atheisten wusste man nicht. Von daher gab es auch viele Leute, von denen wir heute sagen würden, die seien „fromm“. Wie meine Oma gingen die jeden Sonntag und zu den Feiertagen in die Kirche. Meine Oma war religiös eher volkskirchlich „normal“ temperiert. Aber manche waren katholischer als meine Oma. Gingen regelmäßig zur Beichte und zum Rosenkranzgebet, am Sonntag ins Hochamt und immer zur Kommunion.
Nur – deckte sich die religiöse Frömmigkeit nicht immer mit dem, was in meinen kindlichen Augen ein guter Christ war. In den zwei Jahren, wo ich in der katholischen Schule bei den Vinzentinern in Niederprüm war, empfand ich den Widerspruch sehr krass, ja sogar bedrückend. An keiner Schule in Prüm wurden die Schüler:innen so oft geschlagen wie dort. Nirgends waren die Lehrer:innen so wenig Anteil nehmend an ihren Schüler:innen wie an dieser Schule.
Ich weiß noch, dass mich die Worte aus dem Johannesbrief, als ich diese damals erstmals hörte, direkt ansprachen. Dort heißt es auch: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er vor Augen hat, der kann Gott, den er nicht vor Augen (auch) nicht lieben.“ Wenn ich mutig gewesen wäre, dann hätte ich manch einen mit diesen Worten gerne konfrontiert. Innerlich sind diese Worte mit mir mitgegangen. Und so sah ich nicht nur falschen Schein, sondern bewunderte auch meinen Klassenlehrer und Religionslehrer und den Pater im Krankenhaus, weil sie gut zu uns Kindern waren. Weil sie sich für unsere Probleme interessierten, uns mit Wertschätzung begegneten und auch nicht durch falsche Nähe Grenzen verletzten.
Der Wochenspruch aus dem Johannesbrief richtet sich in besonderer Weise an alle Menschen, die sich religiös verstehen. Es erschreckt mich, wieviel Gewalt an dem Ort herrscht, wo die Religionen in dieser Welt am intensivsten aufeinandertreffen: im sogenannten „Heiligen Land“. Bruder und Schwester sind ja nicht nur die Menschen aus der eigenen Familie, aus dem eigenen Land oder der eigenen Religion. Bruder und Schwester sollen uns Christen alle Menschen sein, denen wir begegnen.
Und schließlich glaube ich, dass unser Wochenspruch auch einen Inhalt hat, der alle Menschen angeht. Egal welche Werte wir vertreten: ob Solidarität, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit: wir werden am Ende immer daran gemessen, ob wir das, was wir „hochhalten“ bzw. „predigen“ auch selber in unserem Alltag und mit den Menschen um uns herum leben.
Das Schöne an Gottes Geboten ist aber auch: Gott traut es uns zu, nach seinen Geboten zu leben. Gott und den Mitmenschen zu lieben!
In diesem Sinne lasst uns zuversichtlich in diese Worte starten.
Ihr Jörg Antoine
Wir beten: Gott, du hast uns geboten, dich von ganzem Herzen zu lieben und unsere Nächsten wie uns selbst.
Hilf uns, so zu leben und uns von deiner Liebe leiten zu lassen. Durch Jesus Christus, unsern Herrn.
Wochenspruch: Das Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. Johannes 4,21
Wochenpsalm: Psalm 1 – EG 702
Wochenlied: EG 397 – Herzlich lieb hab ich dich, o Herr
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