Stellen Sie sich den See Genezareth vor, frühmorgens, das Licht noch grau. Am Ufer liegen die Boote der Fischer, und zwei davon gehören Simon und seinen Männern. Sie sind die ganze Nacht auf dem Wasser gewesen – so wie man damals fischte, wenn die Fische im Dunkeln näher an die Oberfläche kommen. Immer wieder haben sie die Netze ausgeworfen, eingeholt, wieder ausgeworfen. Erfahrene Fischer, die ihr Handwerk kennen, die wissen, wann und wo man die Netze auswirft. Und trotzdem: nichts. Als die Sonne aufgeht, sitzen sie am Ufer und waschen die leeren Netze – eine mühsame, notwendige Arbeit nach einer Nacht, die nichts gebracht hat.
Diese Nacht kennen viele – nicht nur am See. Wer in der Pflege oder Assistenz arbeitet, kennt Nächte, in denen man alles gibt und trotzdem das Gefühl hat, es reicht nicht. Wer selbst gepflegt oder begleitet wird, kennt Tage, an denen die eigene Kraft einfach nicht mehr ausreicht. Der heutige Predigttext aus dem Lukasevangelium beginnt genau in dieser Erschöpfung – bevor er von einer Begegnung erzählt, die alles verändert.
Jesus lehrt die Menschen nicht im Tempel, sondern vom Boot des Simon aus – mitten im Alltag, nicht im Weihrauch. Dann sagt er zu Simon: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze aus.“ Simon antwortet: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Kein blindes Vertrauen ohne Zweifel – ein Vertrauen trotz der Erfahrung, dass es gerade nicht funktioniert hat.
Was folgt, sprengt alle Erwartung: so viele Fische, dass die Netze zu reißen drohen. Doch das eigentliche Zentrum der Geschichte liegt woanders. Es liegt in dem, was in diesem Moment mit Simon geschieht: Er begegnet etwas, das größer ist als er selbst – größer als seine Erfahrung, sein Können, seine Erklärungen. Und diese Begegnung macht ihn nicht stolz, sondern lässt ihn niederfallen: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“
Das ist eine sehr menschliche Reaktion. Wer etwas erlebt, das größer ist als man selbst – sei es die Weite des Meeres, die Tiefe eines Leidens, die Unfassbarkeit eines Sterbens, oder auch nur ein Moment, in dem man merkt, wie wenig man eigentlich in der Hand hat –, der fühlt sich zuerst klein, nicht erhaben. Das gilt für Simon am See. Das gilt für Menschen, die im Alter merken, wie viel Kontrolle über das eigene Leben verloren geht. Und das gilt, vielleicht in besonderer Weise, für alle, die beruflich pflegen und begleiten: Wer täglich mit Krankheit, Verwirrtheit, Abschied und Tod zu tun hat, begegnet immer wieder etwas, das größer ist als die eigene Kompetenz und Erfahrung – so gut ausgebildet, so erfahren, so liebevoll man auch ist. Diese Begegnung kann erschöpfen. Sie kann aber auch, wie bei Simon, der Ort sein, an dem etwas Neues anfängt.
Denn Jesus antwortet auf Simons Erschrecken nicht mit Bestätigung der Furcht, sondern mit den Worten, die diesen Text tragen: „Fürchte dich nicht!“ Keine Bagatellisierung dessen, was Simon gerade empfindet, sondern eine Zusage mitten in seine Furcht hinein. Diese Furcht, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein für das, was einem begegnet – sie kennen viele: Bewohnerinnen und Bewohner, die fragen, ob sie noch etwas wert sind. Pflegekräfte, die abends nach Hause gehen mit dem Gefühl, heute wieder nicht allem gerecht geworden zu sein. Auf all das antwortet dieser Satz nicht mit einer Leistungsbilanz, sondern mit einer Zuwendung, die keine Vorleistung verlangt.
Am Ende steht ein Satz, der zunächst befremdlich klingt: “ Sie verließen alles und folgten ihm nach.“ Vielleicht heißt das auch: Wer einmal wirklich etwas Größerem begegnet ist, kann nicht mehr genauso weitermachen wie zuvor. Nicht, weil er alles versteht, sondern weil er weiß, dass er nicht allein trägt, was zu groß für ihn ist.
Schlussgedanke
Was bleibt von dieser Geschichte am See Genezareth? Vielleicht dies: Die Begegnung mit etwas Größerem macht uns zuerst klein – und genau da beginnt die Zusage. Wir müssen nicht genügen, bevor wir Zuwendung verdienen. Sie kommt uns entgegen, gerade wenn wir merken, wie wenig wir aus eigener Kraft tragen können. Das gilt für die, die gepflegt werden. Das gilt genauso für die, die pflegen. Das „Fürchte dich nicht“ gilt nicht denen, die alles richtig gemacht haben, sondern denen, die spüren, wie groß die Aufgabe und wie klein sie selbst manchmal sind. Also: uns allen.
Gebet:
Gott, du kennst die Nächte, in denen wir uns abmühen und nichts in den Händen halten.
Du kennst die Momente, in denen uns etwas begegnet, das größer ist als wir selbst – Leid, das wir nicht heilen können, Erschöpfung, die wir nicht wegwischen können, Fragen, auf die wir keine Antwort haben.
Wir bringen dir all das, was uns schwer geworden ist: die Sorge, nicht zu genügen. Die Müdigkeit, die bleibt, auch nach einer Nacht Schlaf.
Die leise Frage, ob das, was wir tun, überhaupt etwas bewirkt.
Sprich uns dein „Fürchte dich nicht“ zu – uns, die wir pflegen, und uns, die wir gepflegt werden. Schenk uns den Mut, es noch einmal zu versuchen, auch wenn die Netze zuvor leer waren.
Und hilf uns, das Zuviel nicht allein tragen zu müssen.
Wochenspruch: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ Eph 2,8
Wochenpsalm Bl: Ps 73, 1–3.8–10.23–26
Wochenlieder: EG 241: Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
Download: ANgeDACHT_2026_28
Es grüßt Sie herzlichst
Klaus Ehrmann
Lafim-Diakonie Fliedners