Wer eine rheinische Frohnatur in seinem Bekannten- oder Kollegenkreis hat, kennt sicherlich § 3 des Kölschen Grundgesetzes: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Der Satz taugt auch als Kurzfassung der biblischen Geschichtstheologie. Ganz wesentliche Teile der jüdischen Tradition dienen genau dieser Maxime: Sich all der Ereignisse zu erinnern, in denen die Lage hoffnungslos schien, aber es in wunderbarer Weise doch gut gegangen ist. Immer und immer wieder werden diese Geschichten von Heilung und Errettung erzählt, weitergegeben von Generation zu Generation. Gegen den bösen Willen der Feinde, gegen die Widerstände in den eigenen Reihen: Gott lässt sein Volk nicht im Stich. Und deshalb: Gott lässt auch Dich nicht im Stich.
Das biblische Buch, aus dem der Monatsspruch zitiert ist, ist ein solches Erinnerungsbuch: „Exodus“, der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Die biblische Überlieferung und die Tradition des Erinnerns an die Heilsgeschichte, die wir mit den Festen des Kirchenjahres vom Judentum übernommen haben, bilden dabei eine Gegenerzählung zu den Erfahrungen der Welt. Sie versetzen uns zurück in eine Zeit, die vielleicht noch düsterer war als unsere eigene, mit Erfahrungen, die noch hoffnungsloser machten: Sklaverei, Wüstenwanderung. Oder: gefangen, gefoltert, verurteilt, hingerichtet, begraben. Aber dann: Befreit, entkommen durch das Meer, ins Heilige Land geführt. Und: Auferstanden, aufgefahren in den Himmel.
Diese Geschichten, ja diese ganze Lesart der Menschheitsgeschichte als Veranschaulichung des Heilswirkens Gottes, sollen uns Mut machen. Was damals möglich war, wird auch heute geschehen. Gott ist nicht fern, er wirkt in dieser Welt. Allem Anschein zu trotz. „Trotz aller Feinde Toben“, wie es ein Kirchenlied besingt.
Die Zeiten waren nie heil. Wenn wir das zurückblickend manchmal so sehen, verklären wir ganz schön. Man muss nur einmal die Nachrichten von vor 30 oder 50 oder 70 Jahren lesen, um sich zu erinnern. Und dennoch sind wir heute hier, allen Unglückspropheten der Vergangenheit zum Trotz.
Darum: Wenn uns der Blick in die Weltlage heute Angst macht, sollen wir uns daran erinnern: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet! Oder auf Kölsch: „Et hätt noch immer jot jejange.“
Einen gesegneten Monat Juni.
Ihr
Oberkirchenrat Dr. Patrick Roger Schnabel