Nach dem Jurastudium ging ich in Berlin in das Referendariat mit verschiedenen praktischen Stationen. Eine Station war beim Amtsgericht Schöneberg bei einer Richterin. Wenn diese Richterin merkte, dass Ihr Urteil auf Missfallen einer Partei stieß, dann „entschuldigte“ sie sich mit den Worten: „So ist nun mal das Recht und Recht ist eben nicht gleich Gerechtigkeit.“ Die Beteiligten waren dann oft noch irritierter. Mir gefiel dieser Satz nicht und je öfter ich ihn hörte, desto „falscher“ kam er mir vor.
Recht und Gerechtigkeit sind die zwei Seiten einer Medaille. Hinter allem Recht muss immer auch die Gerechtigkeit aufscheinen. Es genügt nicht, dass etwas geregelt ist und mit Zwang durchgesetzt wird. Recht sollte auch befolgt werden, weil es richtig ist und sich richtig anfühlt. „Gerechtigkeit“ ist nicht für das Jenseits vorbehalten, sondern muss bereits heute im Recht wirksam sein.
Der Prophet Amos wendet sich in aller Schärfe gegen alle Heuchelei. Die großartigen Versammlungen am Tempel mit üppigen Brand- und Speisopfern mögen den Vorschriften der Tora entsprechen, sie sind aber nichts wert, wenn zugleich die Armen unterdrückt und ausgebeutet werden. Israel geht es zur Zeit des Amos an sich gut, aber die Schere zwischen Reich und Arm öffnet sich immer mehr. Die einfachen Bauern werden mit hohen Abgaben belastet, ihnen werden ihre Grundstücke abgegaunert, Witwen und Waisen werden nicht versorgt. Das Recht wird ihnen vorenthalten, denn die Richter sind bestechlich.
Die zur Zeit des Amos geltende Tora ist ein umfängliches Gesetz; sie regelt alle Lebensbereiche: die Wallfahrtsfeste und Opfervorschriften ebenso wie den Umgang mit Frauen, Witwen, Waisen und Schuldnern. Amos ist überzeugt: die Tora ist nicht nur Recht, sondern auch gerecht. Von beidem kann es für ihn nicht genug geben.
Wir leben heute in einem Rechtsstaat. Was uns heute selbstverständlich ist, das war für Amos ein Traum: unabhängige Gerichte, die von jedermann angerufen werden können. Aber dieser Rechtsstaat muss auch gerecht sein. Das ist auch heute für uns immer wieder eine große Herausforderung. Absolute Gerechtigkeit wird es nicht geben. Die Interessen und unsere Bewertungen sind unterschiedlich. Auch die Tora wollten wir heute nicht mehr als Gesetz haben, weil ihre Vorschriften zum Beispiel Frauen benachteiligten und das Halten von Sklaven legal war.
Aber die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, das Ringen um Gerechtigkeit und der Zusammenhang von Recht und Gerechtigkeit, das sollte uns heute noch genauso umtreiben wie damals Amos damit Recht ströme wie Wasser und Gerechtigkeit ein nie versiegender Bach sei.
Einen guten Start in die Sommerzeit wünscht Ihnen
Ihr Jörg Antoine