Ach, wie gut kann ich ihn verstehen, den Thomas. Die anderen Jüngerinnen und Jünger hatten den auferstandenen Jesus mit eigenen Augen gesehen, mit ihm gesprochen. Und er, Thomas, war nicht dabei gewesen. Chance verpasst! Nun zweifelt er, so sehr sie es auch beteuern: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Wie sollte er das Unglaubliche glauben können – gegen alle Logik und Erfahrung – Jesus auferstanden von den Toten?
Jesus nimmt Thomas seinen Zweifel nicht übel. Im Gegenteil: Er begegnet seinen Freundinnen und Freunden ein zweites Mal, acht Tage nach Ostern. Und diesmal ist auch Thomas dabei. Jesus spricht ihn persönlich an – verständnisvoll, ohne Vorwürfe. Er herrscht ihn nicht an: „Du elender Zweifler!“ Vielmehr spricht er ihm den Glauben zu, trotz seines Zweifels.
Dann aber geht es um mich, um uns. Für uns gibt es diese Chance derzeit nicht: dem auferstandenen Jesus leibhaftig zu begegnen. Wir haben nur das Zeugnis derer, die mit Jesus unterwegs waren, ihre gute Nachricht: „Jesus ist von den Toten auferstanden!“ Das ist nicht mit den Händen und nicht mit dem Verstand zu fassen. Da hilft nur Vertrauen. Aber was heißt: „nur“ Vertrauen? Jedes lebendige, tragfähige Miteinander beruht darauf, dass Menschen einander vertrauen. Vertrauen ist kein billiger Ersatz für Sicherheit. Es beschreibt eine ganz andere Dimension von Beziehung – eine, die darauf setzt: Wir können uns aufeinander verlassen, auch ohne Beweise einzufordern. Darauf beruht Freundschaft. Darin gründet Liebe. „Selig“, das heißt „glücklich“ nennt Jesus die Menschen, die das als Basis für ihr Leben entdecken können – in unserer Beziehung zu ihm, in unseren Beziehungen zueinander.
Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich darauf vertrauen kann, dass er lebendig ist und dass er mir begegnet: in seinen Worten, in dem, was über ihn erzählt worden ist, in dem, was Menschen an Erfahrungen mit ihm machen konnten, in seinem guten Geist. Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich darauf hoffen darf, dass er mir einmal ganz persönlich begegnen wird – in einer Welt, die ganz von seiner Liebe, seiner Barmherzigkeit, seiner Menschenfreundlichkeit erfüllt sein wird. Und er wird mittendrin sein in diesem lebendigen Trubel, der keinen Tod mehr kennen wird. Was für ein Glück!
Ob ich daran gelegentlich zweifle? Aber gewiss doch! Dann fühle ich mich Thomas sehr nahe, meinem Bruder im Zweifel. Ein Gedicht von Erich Fried kommt mir dabei in den Sinn:
Angst und Zweifel
Zweifle nicht / an dem / der dir sagt / er hat Angst / aber hab Angst / vor dem / der dir sagt / er kenne keine Zweifel
Mit meinem Zweifel weiß ich mich – wie Thomas – bei Jesus gut aufgehoben. Und so geschieht das Wunder: dass der Zweifel verwandelt wird in Vertrauen, in Glauben, in Gewissheit, in Glück.
Pastor Frank Eibisch (Theologischer Leiter)