2026/05

Stürmische See, ein Schiff zwischen Wellenbergen und -tälern, nur ein Spielzeug in den Händen der Naturgewalten.

Vielleicht ist das Bild für Menschen an der See noch eindrücklicher als in Brandenburg, aber auch ich kann ahnen, wie Seeleute in Seenot sich fühlen müssen. Ganz ausgeliefert. Auf hoher See in Gottes Hand.

In stürmischer See kommt es darauf an, dass der Anker hält. Dass das Schiff an seinem Platz bleibt. Dass es nicht losgerissen wird, hinausgeschleudert wird in die grauen Weiten. Dass es den unbändigen Kräften von Wind und Wellen trotzt. Auf den Anker kommt es an.

Der Autor des Hebräerbriefs, ein namentlich unbekannter Lehrer der jungen Gemeinde, lebte am Mittelmeer, an dessen Küsten und Seewegen entlang sich das Christentum ausbreitete. Seefahrten waren ihm vermutlich vertrauter als uns. Und obwohl ein Binnenmeer, ist das Mittelmeer kein ungefährlicher Ort. Wer sich in leichten Booten, ohne sicheren Anker hinauswagt, gerät leicht in Lebensgefahr. Durch die vielen traurigen Ereignisse von Seenot und Tod von Menschen auf der Flucht, steht uns dies heute wieder sehr deutlich vor Augen.

Deshalb war es für jenen unbekannten Lehrer wohl naheliegend, den eigenen Lebens- und Glaubensweg mit einer Seefahrt zu vergleichen. Alles ist leicht bei Sonnenschein und mildem Wind. Doch wenn sich der Himmel verdunkelt, wenn Sturm aufkommt, werden wir zum Spielball des Schicksals, hin- und hergeworfen wie ein Boot im Sturm.

Glücklich, wer immer auf der Sonnenseite des Lebens steht. Doch die meisten von uns kennen Licht und Schatten, Höhen und Tiefen, kennen auch Glauben und Zweifel, Vertrauen und Angst, Hoffnung und Verzweiflung.

Der Satz „Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele“  beschreibt daher nicht, was wir in unserem Inneren immer schon erfahren. Er gibt uns aber die Zusage: „Du kannst Gott vertrauen! Wage es!“ Der Satz ist selbst wie ein Anker, den der Hebräerbrief seinen Lesern zuwirft.

Hoffnung ist keine Weltfremdheit. Sie leugnet die Not nicht. Vielmehr beschreibt sie die Fähigkeit, über die akute Situation hinaus zu blicken und das Licht am Ende des Tunnels wahrzunehmen und sich daran zu orientierten. Mit Goethe gesagt: „Hoffnung gießt in Sturmnacht Morgenröte!“

Hoffnung ist der Anker, den Gott uns zuwirft und den wir dann auswerfen können, um den Sturm zu überstehen. Ein Anker, der uns am Platz hält, bis der Sturm sich legt. Solche Hoffnung wünsche ich uns allen, wenn wir sie am nötigsten brauchen.

Ihr
Oberkirchenrat Dr. Patrick Roger Schnabel
(Mitglied des Kuratoriums der Lafim-Diakonie)